Einsätze der FF St.Pölten-Wagram

30.05.1978 13:28Gasexplosion in der Eybnerstraße - Schwärzester Tag der St.Pöltner Feuerwehrgeschichte jährt sich zum 40. Mal
Gasex Eybnerstraße 1978
Am 30. Mai 2018 jährt sich der schwärzeste Tag der St.Pöltner Feuerwehrgeschichte - Vor 40 Jahren kam es in der Eybnerstraße zu einem Kellerbrand mit verherrenden Auswirkungen. Eine Gasexplosion während der Löscharbeiten forderte das Leben zweier Wagramer Feuerwehrleute und verletzte viele weitere schwer.
Die "Österreichische Feuerwehr" berichtete in der Ausgabe 8/1978 damals:

Die Brandkatastrophe von St.Pölten - Von Brandrat Wilfried Weissgärber, FF St.Pölten-Stadt

Am 30. Mai um 13.28 Uhr erreichte uns in der Feuerwehrzentrale Sankt Pölten telefonisch die Meldung: „Es brennt in der Eybnerstraße 63.“ Der diensthabende Telefonist fragte zurück: „Was brennt?“ Der Anrufer antwortete: „Ein Gemeindebau.“
Für den Diensthabenden in der Feuerwehrzentrale bedeutete dies: Alarmstufe 3, das heißt: Funkalarmierung der FF St.Pölten-Stadt und Fernschreibalarmierung der Freiwilligen Feuerwehren St.Pölten-Wagram und St.Pölten-Viehofen.
13:33 Uhr: Das erste TLF trifft am Einsatzort ein. Der Fahrzeugkommandant erkundet die Lage und stellt einen Kellerbrand fest. Auch das Stiegenhaus des vierstöckigen Wohnhauses ist bereits verraucht.
13:34 Uhr: Das zweite TLF 1000 trifft am Einsatzort ein. Die Besatzung erfragt die Lage und bildet gemeinsam mit den Männern des ersten TLF einen Angriffstrupp aus Atemschutzgeräteträgern.
Die Drehleiter trifft ein. Der Fahrzeugkommandant, selbst ausgebildeter Atemschutzgeräteträger, verstärkt den Angriffstrupp.
Im zweiten Stock schreit eine Frau, kommt wiederholt zum Fenster und ruft laut um Hilfe, während die anderen Wohnparteien, sofern sie in den Wohnungen sind, eher ruhig den Arbeiten der Feuerwehr zusehen. Die Drehleiter wird an das Fenster, aus dem die Frau herausschaut, angeleitert.
Der mit schwerem Atemschutz ausgerüstete Angriffstrupp geht mit explosionsgeschütztem Handscheinwerfer und gefüllter Hochdruckleitung zum Angriff in den Keller vor. Von der Feuerwehrzentrale rückt ein ULF zum Einsatzort aus.

Da es sich allem Anschein nach um einen normalen Kellerbrand handelt und die eingesetzten Männer erfahren sind, wendet sich der Einsatzleiter dem ihm wichtiger erscheinenden Problem der im zweiten Stock schreienden Frau zu, da sich diese eventuell aus dem Fenster stürzen könnte. Ein schon vor einigen Minuten durchgegebener Funkruf, der Feuerwehrarzt Dr. Wölken herbeibringen soll, wird wiederholt. Der Einsatzleiter steigt zur eventuellen Menschenrettung auf der Drehleiter in die Wohnung im zweiten Stock ein.

Auf der Straßenseite und im Hof des Wohnhauses stehen mehrere Menschen. Niemand sagt den Feuerwehrmännern, dass in dem Haus Handwerker beschäftigt sind, niemand sagt ihnen, dass Arbeiten an den Gasrohren vorgenommen werden. Kein Handwerker etwa in Arbeitskleidung lässt auf solche Arbeiten schließen. Daher wussten weder die Einsatzleitung noch die Feuerwehrmänner etwas von einer Gefahr, konnten auch nichts derartiges vermuten.
Der ebenfalls mit schwerem Atemschutz ausgerüstete Angriffstrupp der FF St.Pölten-Wagram geht – ebenfalls mit explosionsgeschütztem Handscheinwerfer und gefüllter Hochdruckleitung – zum Angriff in den Keller vor. Der Trupp der FF St. Pölten-Stadt, der bereits im Keller ist, findet infolge der starken Rauchentwicklung den Brandherd nicht.

Feuerwehrarzt Dr. Wölken trifft ein und begibt sich sofort über die Drehleiter in den zweiten Stock. Mit ihm steigen ein Feuerwehrmann und ein Rettungsmann auf. Er fordert von den Arbeitersamaritern, deren Stützpunkt nur wenige hundert Meter von der Einsatzstelle entfernt liegt, ein Beatmungsgerät an. Der Arzt fordert die Frau auf, sich auf den Diwan zu legen. Der Einsatzleiter erklärt dem Arzt die Lage und steigt über die Drehleiter ab.
In der gleichen Minute kehrt der Angriffstrupp der FF St.Pölten-Stadt über die Kellerstiege ins Freie zurück. Er hat den Brandherd nicht finden können. Er wird von einem den Feuerwehrmännern unbekannten Mann aufgefordert, im Keller auf ein Gasrohr eine Abdeckkappe aufzusetzen. Daher begibt sich der Atemschutztrupp wieder in den Keller und versucht, die Abdeckkappe zu montieren.

Die furchtbare Explosion

13.40 Uhr: Der Trupp, der ersucht worden ist, die Abdeckkappe auf dem Rohr anzubringen, kann diese nicht aufsetzen, da das Rohr Deformierung aufweist.

Als die Männer eben aus dem Keller zurückkehren wollen, erfolgt die furchtbare Gasexplosion.

Der Einsatzleiter will eben von der Drehleiter (Straßenseite) über die Nordseite des Hauses zum Hauseingang (Hofseite) gehen und befindet sich auf der Hofseite, rund 15 Meter nördlich des Hauseinganges Nr. 61. Er ist daher eher im toten Winkel der Explosion, wird nur leicht zur Seite geschleudert. Ein dumpfer Knall ertönt, plötzlich ist alles in Brand gehüllt, die Luft ist ein einziges Flammenmeer, durch die entstehende Druck- und Sogwelle werden alle Menschen und Gegenstände, die sich bis rund 12 Meter von der Hof- und der Straßenseite entfernt befinden, vom Haus weg und zu Boden geschleudert.

Der Keller, in dem die Explosion erfolgte, war rund 10 Meter breit und 20 Meter lang, er durchzog das ganze Haus. Er hatte wohl Trennwände, die Türen waren aber offen, der gesamte Kellerraum war also letztlich eine Einheit. Je vier Fenster gingen auf die Straßen- und auf die Hofseite, ebenso stellte die Kellertür, die nahe dem Hauseingang gelegen war, eine Verbindung zur Außenwelt dar.
Bei der Explosion drang das in Brand geratene Gas-Luftgemisch bis zur betonierten Kellerdecke empor, konnte nicht mehr weiter nach oben entweichen, suchte sich weiter den Weg des geringsten Widerstandes und entwich mit ungeheurer Gewalt durch die Kellerfenster und die Keller- und die Haustüre ins Freie. Teile des gemauerten Eingangsvorbaues wurden weggerissen.

Die Tragödie war, dass fast alle Einsatzfahrzeuge der Feuerwehren nur wenige Meter von den Hauswänden der Straßen- und Hofseite abgestellt waren und sich zwischen Fahrzeugen und Hauswänden zahlreiche Feuerwehrmänner aufhielten. Auf der Hofseite standen die Fahrzeuge auf dem asphaltierten Fußweg, der nur durch einen rund 50 Zentimeter breiten Grünstreifen von der Hauswand getrennt war, auf der Hofseite betrugen Grünstreifen und Gehsteig rund vier Meter.

Explosion und Druckwelle dauerten maximal drei Sekunden. Dann herrschte Totenstille. Nach dieser Schrecksekunde ertönten von allen Seiten Schreie und Hilferufe. Es bot sich ein Bild der Verwüstung. Einige blutverschmierte Feuerwehrmänner liefen auf die Straße, schwerer getroffene lagen schreiend zwischen Fahrzeugen und Trümmern oder wimmerten. Straße und Hof waren mit Mauertrümmern, Glassplittern, Teilen von Einrichtungsgegenständen und Kleidern übersät.

Der Einsatzleiter rannte zum Hauseingang Nr. 61. Dort lagen zwei Feuerwehrmänner, deren Einsatzbekleidung Feuer gefangen hatte. Es waren Verwalter Franz Hayden und HBI Rudolf Gschwendtenwein (Anmerkung: bei den beiden handelte es sich um den Verwalter und den Kommandanten der FF St.Pölten-Wagram). Dass Hayden tot war, konnte der Einsatzleiter im Moment nicht erkennen. Er und der ebenfalls unverletzt gebliebene LM Hötzl löschten die züngelnden Flammen der Einsatzbekleidung mit den Händen und zerrten die beiden Verletzten aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Dann lief Weissgärber zu einem TLF 1000 und befahl über Funk der Feuerwehrzentrale, für alle Feuerwehren und Rettungsorganisationen Großalarm zu geben.

Je ein Mann der FF St.Pölten-Stadt und St.Pölten-Wagram, die leichter verletzt waren, setzten „Kommando 17“ und das Kommandofahrzeug St.Pölten-Wagram, zwei Kleinbusse, in Betrieb. Im Nu waren die Fahrzeuge mit verletzten Feuerwehrmännern überfüllt. In wenigen Minuten war man beim Krankenhaus angelangt, das sich nur wenige hundert Meter von der Einsatzstelle entfernt befand.

Nur wenige Minuten nach der Explosion trafen Sanitätsfahrzeuge des Roten Kreuzes und des Arbeiter-Sameriterbundes ein. In pausenlosem Einsatz transportierten sie Feuerwehrmänner und Zivilpersonen zum Krankenhaus, sodass der Abtransport sehr schnell vor sich ging. Die Verletzten hatten vor allem schwere Verbrennungen davongetragen.

Die große Sorge war: Was ist aus den Kameraden im Keller geworden? Nachdem der Einsatzleiter den Funkspruch bezüglich des Großalarms abgesetzt hatte, rüsteten er und noch ein Feuerwehrmann sich mit schwerem Atemschutz aus und drangen in den Keller vor, mussten jedoch noch auf der Kellerstiege wegen der extrem hohen Hitze zurückweichen. Infolge des großen Temperaturunterschiedes zwischen Körper- und Raumtemperatur hatten sich die Panoramascheiben der Atemmasken beschlagen, was den Männern die Sicht nahm.

In Wirklichkeit hatten sich die fünf Männer bereits selbst aus dem Keller ins Freie begeben können. Es waren ihnen nur die Füße weggezogen worden und sie waren, freilich mit schweren Verbrennungen, zu Boden geschleudert worden. Während der Einsatzleiter die beiden vor dem Hauseingang liegenden Kameraden in Sicherheit gebracht hatte, mussten die fünf Männer aus dem Keller herausgekommen und sofort in das Krankenhaus gebracht worden sein. Das wusste aber im anfänglichen Chaos niemand. „Kommando 17“ bekam daher den Auftrag, im Krankenhaus die Namen aller eingelieferten Feuerwehrmänner zu erfragen. Erst als man die Listen des Krankenhauses mit den Angaben über die Fahrzeugbesatzungen verglichen hatte, konnte man befreit aufatmen: Es fehlte niemand.

Nach der Explosion war das Stiegenhaus kurze Zeit frei von Rauch, bis sich der Kellerbrand neuerlich und noch intensiver entwickelte. Die wenigen Bewohner, die sich in den Wohnungen befanden, wurden ebenfalls von der Druckwelle erfasst, es gab mehrere Verletzte unter ihnen, die Möbel vernichtet, durch den Sog waren sogar Teile der Tapeten von den Wänden gesaugt worden. Leichtverletzte Feuerwehrmänner durchsuchten jede Wohnung und halfen den verletzten Zivilpersonen, über das Stiegenhaus ins Freie zu gelangen. Auch die Zivilverletzten wurden sofort in das Krankenhaus gebracht.

Das Gas, das sich vor der Explosion im ganzen Haus verteilt hatte, konzentrierte sich im vierten, obersten Stockwerk, von wo es nicht mehr weiter entweichen konnte, neuerlich zu einem Gas-Luftgemisch; es kam durch eine nicht mehr feststellbare Zündquelle zu einer Verpuffung mit nachfolgendem Brand. Sofort stand die gesamte Wohnung in Flammen, der Brand begann also nicht an einer bestimmten Stelle.

Da die Mannschaften dezimiert waren, konnte die Brandbekämpfung nicht sofort einsetzen.

Insgesamt zählte man zu diesem Zeitpunkt 68 Schwerverletzte, davon 31 Feuerwehrmänner.

Nach rund sieben Minuten – das Zeitintervall konnte nicht genau ermittelt werden, befragte Passanten meinten, es müssten rund sieben Minuten sein – kam es zu einer neuerlichen Verpuffung, die freilich wesentlich schwächer war als die vorangegangene Explosion. Vor allem war diesmal die Druckwelle sehr gering. Durch die erste Explosion war ja der größte Teil des Gas-Luftgemisches verbrannt, außerdem absorbierte der immer stärker werdende Kellerbrand viel Luft. Solche Verpuffungen wiederholten sich sechsmal, sie richteten jedoch keinen Personen- und nur wenig Sachschaden an. Das konnte man aber nicht im voraus wissen.

Nach der zweiten Explosion bzw. Verpuffung verlangte der Einsatzleiter vom inzwischen eingetroffenen Betriebsleiter der NIOGAS die sofortige Absperrung des Gases. Der Verantwortliche erklärte, dies sei unmöglich, da er nur die ganze Stadt von der Gaszufuhr ausschalten könne, nicht aber Teile der Stadt. Nach wiederholtem Drängen des Einsatzleiters, da ja im Keller weiter Gas ausströmte und ständig weitere Verpuffungen erfolgten, wurde endlich die Gaszufuhr für die gesamte Stadt St.Pölten gesperrt.

Dies war freilich auch nicht ungefährlich. Bei einem Abschalten der Gaszufuhr konnten ja gerade in Betrieb befindliche Haushaltsgeräte offen bleiben, es konnte vergessen werden, sie abzuschalten. Bei Wiederaufnahme der Gaszufuhr konnte Gas entweichen, bei Entstehen eines entsprechenden Gas-Luftgemisches und Hinzutreten einer Zündquelle konnten in der ganzen Stadt Explosionen bzw. Verpuffungen entstehen. Um dieser Gefahr zu begegnen, fuhr das Kommandofahrzeug „Florian West“ zweieinhalb Stunden durch das gesamte Stadtgebiet und ersuchte die Bevölkerung mittels Lautsprecher, etwa offene Gasgeräte abzusperren und die von der Arbeit heimkommenden Nachbarn im gleichen Sinn zu informieren. Tatsächlich kam es in der ganzen Stadt zu keinem einzigen Zwischenfall durch ausströmendes Gas.

Die nachrückenden Kräfte der FF St.Pölten-Stadt fluteten den Keller mit Schaum. Das Vortragen eines Innenangriffes wäre wegen der laufend erfolgenden Verpuffungen zu gefährlich gewesen, außerdem konnten durch den Schaum alle möglichen Zündquellen beseitigt werden.

Inzwischen trafen nacheinander Feuerwehren aus dem gesamten Bezirk St.Pölten ein. Diese neuen Einsatzkräfte löschten den Zimmerbrand im vierten Stock über die nur noch bedingt einsatzfähige Drehleiter und durch einen Innenangriff über das Stiegenhaus.

Nach diesen Aktionen war die Hauptgefahr beseitigt.
Waren zuerst relativ wenige Menschen am Einsatzort erschienen, kamen nach der Explosion Menschen in Scharen. Die sehr schnell eingetroffenen Polizeikräfte sicherten zusammen mit Feuerwehrmännern die Umgebung des Einsatzes ab.

Während der Aufräumungsarbeiten traf Landesfeuerwehrkommandant Sepp Kast ein. Er wurde von der Lage und von den Umständen, die zur Explosion geführt hatten, unterrichtet.
Für die kriminaltechnischen Untersuchungen war es notwendig, den Schaum aus dem Keller abzusaugen. Hierfür wurde von der Landesfeuerwehrschule in Tulln ein Schaumabsauggerät angefordert.

Nach der Brandbekämpfung und nach Abschluss der wichtigsten Aufräumungsarbeiten wurden die Einsatzkräfte zwischen 17.00 und 19.00 Uhr etappenweise abgezogen. Die Brandwache rückte nach halbstündigen Kontrollgängen um 22.00 Uhr in die Feuerwehrzentrale ein.

2 TLF 1000 der FF St.Pölten-Stadt erlitten durch die Druckwelle Totalschaden, mehr oder weniger schwer beschädigt wurden 1 TLF 1000 der FF St.Pölten-Wagram, 1 TLF 2000 von St.Pölten-Stadt, 1 TLF 2000 der FF St.Pölten-Wagram, die Drehleiter und das Kommandofahrzeug der FF St.Pölten-Stadt und ein Kommandofahrzeug der FF St.Pölten-Wagram.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird angenommen, dass sich im Zuge von Arbeiten mit autogenen Schweißgeräten an Gasrohren im Keller ein Brandherd gebildet hatte. Erhebungen haben ergeben, dass in größerem Umfang Papier, Koks, Kleinholz und Kohle in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstelle gelagert waren. Zuerst wurde der Brand von Arbeitern mit einem Pulverlöscher bekämpft, dann wurde die Feuerwehr gerufen. Weder bei der Benachrichtigung noch beim Eintreffen wurde die Feuerwehr von den zuständigen Monteuren über den Gasaustritt unterrichtet.

FF St.Pölten-Wagram nachher


Die FF St.Pölten-Wagram ist von der Innenstadt St. Pölten durch die Traisen getrennt. 54 Aktive hat man dort, ebenso eine Feuerwehrjugendgruppe mit 18 Buben.
Unmittelbar nach der Explosion schickte Einsatzleiter BR Weissgärber die schwer dezimierten Löschkräfte der Wehr heim.

Am meisten belastend war anfangs: In den Listen, die aus dem Krankenhaus kamen, fehlten die Namen von drei Wagramern, die auch nicht am Einsatzort waren. Wo waren sie? Die Frauen kamen, man konnte ihnen keine Auskunft geben. Ein Kamerad der FF Wagram wurde ins Krankenhaus geschickt. Er ging von Bett zu Bett, fragte jeden, wer er sei, da er durch die Verbände kaum ein Gesicht erkennen konnte. Endlich hatte er die drei Vermissten gefunden. Sie waren in der Hektik der ersten Viertelstunden nicht aufgeschrieben worden.

Als die Kameraden mit den zum Teil unbrauchbaren Fahrzeugen zum Feuerwehrhaus kamen, waren fast alle Männer da, die nicht im Krankenhaus waren, alle Reservisten, alle Buben von der Feuerwehrjugend. Jeder wollte helfen, solidarisch sein, zeigen, dass er dazugehörte.
Auch die Frauen kamen, wollten etwas wissen, wollten helfen, viele boten sich zum Blutspenden an.

Trotz allem Jammer wurden zielbewusst Aktionen gesetzt: die Frauen der Verletzten wurden besucht und dieser Dienst genau eingeteilt, für den nächsten Tag wurde ein Spitalsbesuchdienst organisiert.

Zweite Frage: Sofortmaßnahmen. Was hätten die Verletzten heute noch tun sollen? Manches Privatfahrzeug stand vor dem Feuerwehrhaus, Wohnungsschlüssel der Verletzten wurden gebraucht, manche hätten beruflich Dringendes liefern sollen usw. Es wurde geholfen, soweit es irgendwie möglich war.

Einsatzfähigkeit?

Das TLF 1000 war nicht einsatzfähig, das TLF 2000 und das Kommandofahrzeug wohl. Mannschaften? Tagsüber war die Wehr nur bedingt einsatzfähig, da fast alle Männer, die auch tagsüber in Wagram sind (vor allem Gewerbetreibende und Bauern), im Krankenhaus lagen. Nachts war man voll einsatzfähig.

Dann reparierte man, soweit möglich, Pressluftatmer, reinigte die Fahrzeuge von Blut, Glassplittern und Mauerbrocken. All das ging fast mechanisch. Alle standen irgendwie unter Schockwirkung. „Für mich war es das beeindruckendste Erlebnis, dass ich in meinem bisherigen Leben hatte“, sagte ein
36-jähriger Kamerad zu „Brand aus“.

Kaum einer der Männer konnte nachts schlafen

Am nächsten Tag nahmen sich einige Kameraden spontan Urlaub und waren da. Man richtete einen permanenten Telefondienst ein, damit Nachrichten aus dem Spital und von Freunden gleich weitergegeben werden konnten, damit sich die Frauen informieren konnten, damit immer „wer da war“.

Reporter kamen, fotografierten, Fremde erkundigten sich, Wege zu Ämtern waren zu machen, den Frauen der Verletzten musste an die Hand gegangen werden. Manche von ihnen wohnten ja mit ihren Kindern jetzt ganz allein in einem Siedlungshaus. Immer noch das Bangen um das Leben einiger schwerverletzter Kameraden, immer mehr Optimismus, wenn wieder einer „über dem Berg“ war.

Bald wurde aus den fünf dienstältesten Brand- und Löschmeistern ein „Krisenstab“ gebildet, der alle Maßnahmen überlegt und leitete.

Bitter war dann, die Totenparte zusammenzustellen

Die FF St.Pölten-Stadt erwies sich als wahrer Freund. Da gab es keinen Unterschied zwischen den Wehren. OBR Ing. Spinka und BR Weissgärber kümmerten sich um die Kameraden von Wagram ebenso wie um jene von der FF St.Pölten-Stadt.
„Wir wollen überleben“, dieser Satz setzte sich immer mehr durch. Jeden Abend kamen fast alle Mitglieder der Wehr und halfen mit.
Vom 4. auf den 5. Juni brannte die Zwetzbachermühle im Stadtteil Wagram ab. Es war wie eine Bestätigung der inneren Kraft dieser Feuerwehr: 24 Männer taten bei diesem schweren Einsatz Dienst und standen in vorderster Reihe. Die Feuerwehr St.Pölten-Wagram lebt weiter. Es gehört schon der Vergangenheit an, dass beim Begräbnis von Franz Hayden 38 Wagramer Feuerwehrmänner den Ehrenzug stellten.


Und dann kam in den Morgenstunden des 13. Juni die Nachricht vom Tod des Kommandanten HBI Rudolf Gschwendtenwein. Wie es in St.Pölten-Wagram weiterging, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. „Brand aus“ wird darüber berichten.

Quellen: ÖBFV und "Die österreichische Feuerwehr", 8/1978
Fotos: Archiv FF St.Pölten-Wagram

Fakten

Datum 30.05.1978
Alarmzeit 13:28
Einsatzart Brandeinsatz
Einsatzleiter BR Wilfried Weißgärber
weitere Kräfte
  • 18 Feuerwehren und die NÖ Landes-Feuerwehrschule mit 201 Mann und 34 Fahrzeugen im Einsatz:
  • 7 Kommandofahrzeuge, 19 Tanklöschfahrzeuge, 3 Löschfahrzeuge, 1 Rüstfahrzeug und vier sonstige Fahrzeuge
Gasex Eybnerstraße 1978
TLF 2000 nach Gasexplosion
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